Betriebsleiter

WEICHEN STELLEN:

EISENBAHNBETRIEBSLEITER

Der Eisenbahnbetriebsleiter sorgt für einen sicheren und ordnungsgemäßen Bahnverkehr ob Instandhaltung der Bahnanlagen, Überwachung des Betriebs, Schulung der Personale oder Aufbau eines Sicherheitsmanagement-Systems. Manchmal zählt noch mehr zur Tätigkeit...

Seit 2008 berate ich als Eisenbahnbetriebsleiter die Stadt Pfullendorf: Hier im Oberschwäbischen hatten sich die Anliegerkommunen nicht mit der Stillegung "ihrer" Bahnstrecke abgefunden und die Initiative ergriffen. Mit großem Erfolg:

Nicht nur konnte die Strecke 2009 als kommunal betriebene Eisenbahn reaktiviert werden; seit 2011 hat sich ein Freizeitverkehr etabliert und 2017 wurde der Güterverkehr aufgenommen. Und die Erfolgsgeschichte geht weiter...

ZUM ZUG GEKOMMEN:

RETTUNG DER BAHN ALTSHAUSEN PFULLENDORF

STILLEGUNG UND KOMMUNALE REAKTIVIERUNG

Die Deutsche Bahn stellte im Juli 2002 den Güterverkehr nach Pfullendorf ein. Im August 2004 wurde das ungenutzte Gleis formell stillgelegt. Was bei vielen Bahnstrecken das Todesurteil darstellt, weckte hier die Initiative der Kommunen: Eine Interessensgemeinschaft wurde gegründet, die zunächst das Bahngleis von Altshausen nach Pfullendorf von der DB pachtete, um es vor dem Abbau zu bewahren.

Im August 2008 wurde innerhalb des Bahnhofs Altshausen der stillgelegte Bahnhofsteil der Pfullendorfer Strecke für das dortige Sägewerk reaktiviert (als nicht-öffentliche Anschlussbahn gemäß BOA). Der erste Schritt in Richtung Reaktivierung war gemeistert. 

Inspektionsfahrt über rostige Schienen (2010)

Anfang 2009 fiel dann der Entscheid, in einem zweiten Schritt die gesamte 25 km lange Strecke wieder als öffentliche Eisenbahn in Betrieb zu nehmen. Einer der Hintergründe waren u.a. Planungen für touristische Sonderzüge im Rahmen der 'Tour de Ländle', einem Großereignis mit rund 500 Fahrradfahrern.

Nach diesem Entscheid zur Reaktivierung blieben mir und dem Team aus nebenberuflichen Eisenbahnbetriebsleitern gerade einmal 7 Monate für das umfangreiche Arbeitspensum bis zur ersten öffentlichen Zugfahrt.

Verkehrminister Hermann bei der Räuberbahn

REAKTIVIERUNG INNERHALB VON 7 MONATEN

Zu den Arbeiten an der Strecke zählten die Überprüfung des Gleiszustands sowie der Brücken und Durchlässe, der umfangreiche Freischnitt, das Aufstellen von Signalschildern und Arbeiten an den Bahnübergängen.

Parallel waren die Betriebsregelwerke und Fahrpläne aufzustellen, eine Versicherung abzuschließen und die gesamten behördlichen Genehmigungen einzuholen.


Das Kunststück gelang: Pünktlich zur 'Tour de Ländle' konnte die Strecke offiziell wieder in Betrieb genommen werden. Am 31. Juli 2009 fuhren - fünf Jahre nach der Stilllegung - wieder Sonderzüge mit einigen hundert Fahrradfahrern nach Pfullendorf! Ein großer Erfolg und schöner Lohn für die Mühen.

WIEDERBELEBUNG DER STRECKE: AUSFLUGSVERKEHR

Nach dem Erfolg der Fahrradsonderzüge wurden versuchsweise 2010 weitere Sonderfahrten angeboten - mit großem Erfolg. Daher entschied das Land Baden-Württemberg, ab 2011 einen regelmäßigen Ausflugsverkehr von Aulendorf via Altshausen nach Pfullendorf zu bestellen: Land und Region sehen in der landschaftlich reizvollen Strecke ein interessantes touristisches Potenzial und wollen damit auch die nachhaltige Mobilität stärken.

Diese Ausflugszüge haben sich gut etabliert, so dass 2018 der Zugverkehr ausgebaut, die Bahnstrecke ertüchtigt und die Vermarktung professionalisiert wurden:

So haben wir die Bahnhaltepunkte touristisch aufgewertet mit Info-Stelen, wo wir Ausflugs- und Tourentipps geben und über die Bahngeschichte und Umgebung informieren. In Hoßkirch konnten wir 2019 einen zusätzlichen Haltepunkt am Seebad einrichten. Auch in Marketing und PR beschreiten wir neue Wege: Die neue Marke "Räuberbahn" wartet mit einer eigenen Internetseite und stark besuchten Profilen auf Facebook und Instagram auf.

Einladende Info- und Wartestele am Haltepunkt Hoßkirch

DIE RÄUBERBAHN - AUSGEZEICHNET

Ein Erfolgsfaktor der Räuberbahn ist dabei die enge Zusammenarbeit der Stadt Pfullendorf als Eisenbahn-Infrastrukturunternehmen (die selber sehr aktiv den Ausflugsverkehr vermarktet), Bodo-Verkehrsverbund, Touristikorganisationen und Anliegergemeinden.  Diese gemeinsamen Anstrengungen und Erfolge sorgen auch überregional für Anerkennung:

So verlieh uns das Verkehrsministerium für das integierte Gesamtkonzept um die Wiederbelebung der Bahn im Freizeitverkehr den ÖPNV-Innovationspreis 2019; und für das touristische Konzept erhielten wir vom

Verband der Tourismuswirtschaft Bodensee den internationalen Innovationspreis „Bodensee19“.

ANSCHLUSS AN DEN GÜTERVERKEHR

Die Bemühungen um die Strecke zahlten sich schließlich auch im Frachtverkehr aus: 15 Jahre nach der Einstellung des regulären Güterzugverkehrs nach Pfullendorf rollten auf dieser Strecke im Frühjahr 2017 erstmals auch wieder Güterzüge mit Rundholz. Inzwischen fahren Holzzüge für verschiedene Kunden, aber auch Düngemittelverkehre nach Altshausen, ziemlich regelmäßig; so wurden 2019 über die Räuberbahn rund 19.000 Tonnen Fracht umwelt- und klimafreundlich abgefahren. Ferner arbeitet ein Logistikunternehmen an der Aufnahme eines regelmäßigen Containerzugverkehrs zwischen dem oberschwäbischen Ostrach und den Nordseehäfen. Und seit 2020 steht auch das ehemlige Containterterminal Pfullendorf wieder offen.

Holzzug von Burgweiler in die Schweiz (Sommer 2019)

KAUF DER STRECKE

Inzwischen haben die drei Kommunen Pfullendorf, Ostrach und Altshausen die Bahnstrecke, die sie bis dahin lediglich gepachtet hatten,  von der DB Netz AG erworben. Vorausgegangen waren zweijährige Kaufverhandlungen mit der DB sowie intensive politische Entscheidungsprozesse. Kaufpreis: rd. 300.000 €, die aber gut angelegt sind; als Eigentümer kommen die Kommunen seither in den Genuss von Instandhaltungskostenzuschüssen, mit denen die Bauarbeiten am Gleis gefördert werden. Weitere Einnahmen kommen aus den Nutzungsentgelten, die die Eisenbahnverkehrsunternehmen für das Befahren der Strecke entrichten müssen, sowie aus Beiträgen einer Interessengemeinschaft Bahn.

FAZIT

Dass Anliegerkommunen eine Eisenbahn betreiben, ist landes- bzw. deutschlandweit nahezu einmalig. Dahinter steckt das volkswirtschaftliche Ziel, diese Strecke zu erhalten und weiterzuentwickeln: einerseits als wichtiger Standortfaktor für die Wirtschaft, andererseits zur Stärkung des nachhaltigen Tourismus.

Durch eine kostenbewusste und kostengünstige Instandhaltung und Betriebführung – unter Nutzung des Regelwerks für nichtbundeseigene Bahnen – gelingt es den Eisenbahnbetriebsleitern, diese Bahnstrecke mit überschaubaren Aufwänden zu betreiben und die Betriebskostendefizite in einem vertretbaren Rahmen zu halten.

(c) by Frank von Meißner

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